„Rebecca“ – Das Musical bei den Freilichtspielen Tecklenburg

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„Ich“ – Mehr erfährt der Zuschauer über den Namen der neuen Frau von Maxim de Winter nicht. Überallem schwebt, wie ein übermächtiger Schatten, „Rebecca“, die verstorbene Ehefrau des Hausherren auf Manderlay…

Die Story

„Ich“, die neue, junge Frau von Maxim de Winter kommt nach einem stürmischen Kennenlernen und einer spontanen Hochzeit an der Cote d’Azur mit ihrem Ehemann auf Manderlay an. Im verwunschen Schloss im Herzen Cornwalls sind für die „neue“ Mrs. de Winter alle Türen verschlossen und die Gänge verboten.

Das rigide Regiment von Mrs. Danvers, der Haushälterin, ist Schuld daran. Die Haushälterin macht der neuen Gattin schon allein deswegen das Leben zur Hölle, weil diese den Platz der vorherigen Mrs. Rebecca de Winter einzunehmen versucht. Die Schatten der Vergangenheit sind in Manderlay weiter lebendig. „Rebecca“ ist immer und überall im Hause präsent, im Flüstern des Meeres, dem Rauschen der Vorhänge und jedem einzelnen Gegenstand des Hauses …

Die Gerüchte legen den Verdacht nahe, dass Rebecca möglicherweise keines natürlichen Todes gestorben ist.

Die Inszenierung

Nachdem sich das Musical „Rebecca“ von Sylvester Levay (Musik) und Michael Kunze (Buch/Text) im Januar 2013 aus dem Stuttgarter Palladium Theater verabschiedet hat, hatte die Szene eine Neuauflage lange erwartet. In der Zwischenzeit war die eindrucksvolle Umsetzung, des 1938 erschienener Roman01 der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier02, von deutschen Bühnen komplett verschwunden.

Viereinhalb Jahre später feierte die phänomenalen Neuinszenierung von Andreas Gergen bei den Freilichtspielen Tecklenburg Premiere. Die Tecklenburger Naturkulisse – das erste Mal ist das Stück damit unter freiem Himmel zu sehen – und passte ausgesprochen gut zu dem Stück.

Andreas Gergen hat die Aufführung von „Rebecca“ nahezu neu erfunden und war in der gezeigten Inszenierung sehenswerter als die Produktionen in Stuttgart und Wien waren.

Neben einer hervorragende Personenregie, bewies Gergen auch ein hohes inszenatorisches Verständnis, indem er den ewig vorhandenen Schatten auch gestalterisch ein Bild geschaffen hat – eine Reihe Darsteller, die in schwarzen Kostümen immerzu und ein wenig bedrohlich in einzelnen Szenen zu sehen sind.

Es sind die Schatten der Vergangenheit, die über allem schweben. In der Monte-Carlo-Szene werden sie auch schon mal zu Tischen, in der Bootshaus-Szene stellen sie den Tod Rebeccas dar oder agieren als Marionettenspieler, um die Handlung zu lenken.

Die Gestaltung

Die Inszenierung wird durch die zeitgemäßen Kostüme von Karin Alberti und dem wandlungsfähigen Bühnenbild von Susanna Buller zu ganz großen Bildern von opulenter Schönheit.

Besonders beeindruckend war das ausgeklügelte Lichtdesign. Im Zusammenspiel entsteht ein Highlight nach dem anderen. Exemplarisch ist dabei vor allem die Strandgut-Szene im zweiten Akt zu nennen, bei der die Bühne in dunkelblau-türkises Licht getaucht ist, Ensemblemitglieder und Chorsänger mit Taschenlampen durch die Szenerie stürmen und durch gezielte Aufstellungen immer wieder den Solisten, angestrahlt durch ihre Taschenlampen, Platz für ihre Dialoge geben. Die dabei entstehende Dynamik raubt einem den Atmen und wird dann auch noch dadurch gesteigert als die Mitwirkenden schließlich in den Zuschauerraum laufen.

In den Gedanken der Zuschauer bleibt sicherlich ein weiterer besonderer Kniff von Andreas Gergen: In der Gerichtsszene im zweiten Akt in der sich Maxim de Winter immer weiter in Widersprüche verstrickt, was für das Publikum durch Seile dargestellt wird, in denen sich Maxim zusehends immer stärker verheddert.

Egal ob Licht, Ensemble, Schatten oder Stricke – bei „Rebecca“ in den Freilichtspielen Tecklenburg hat Gergen mit großartigen Bildern und Stimmungen eine ausserordentliche Interpretation geschaffen.

Unerwähnt bleiben sollte nicht, was in der Nummer „Die lieben Verwandten“ deutlich wird, wenn die Solisten von den Schatten vor einem überdimensionalen Bilderrahmen platziert werden und selbst für den Tod der Haushälterin Mrs. Danvers hatte der Regisseur eine eigene Interpretation gefunden.

Rebecca und Mrs. Danvers

Sehen und hören lassen können sich auch die Solisten:

Die niederländischen Grande Dame des Musicals, Pia Douwes, garantiert mit jedem Satz, mit jeder Geste und vor allem mit jedem Ton Gänsehaut pur. Sie live zu erleben war einfach nur – wow – umwerfend und fesselnd. Die Rolle der Mrs. Danvers scheint ihr auf den Leib geschrieben worden zu sein. Eine bessere Besetzung hätte es nicht geben können.

Das hätte aber auch nach hinten losgehen können, wenn sie in Milica Jovanovic in der Rolle der „Ich“ keinen Gegenpart gehabt hätte, der ihr stimmlich und darstellerisch mehr als gewachsen ist. Der Rolle gerecht werden wird sie zunächst auch musikalisch dominiert, ausgenutzt und beinahe in den Selbstmord getrieben, gelingt ihr dennoch die Wandlung zur selbstbewussten Frau, die sich keinesfalls unterkriegen lassen will. Sie ist ebenfalls grandios und wuchs innerhalb der Vorführung, wie man es erwarten sollte.

Jan Ammann ist der Archetyp in der Rolle von Maxim de Winter und absolut perfekt besetzt. Er spielte den englischen Edelmann mit starker Bühnenpräsenz, trockenem Humor und einer schwärmerischen Ausstrahlung. Ammann hat es verstanden, sowohl die charmante als auch die mystische, verzweifelte Seite Maxims zu zeigen. Gesanglich versteht er es ohnehin, das Publikum vollends für sich zu gewinnen. Zu den besonderen Höhepunkten gehörten sicherlich der Titel „Zauberhaft natürlich“, noch warm und gefühlvoll interpretiert, ja regelrecht verliebt-verzaubert, um dann später bei „Kein Lächeln war je so kalt“ mit starker und expressiver Stimme auszubrechen aus der britischen Höflichkeit.

Die Darstellung und der Gesang ist auch den Nebenrollen durchaus gelungen. Hervorheben sollte man definitiv Roberta Valentini als Beatrice, genauso wie Thomas Hohler als Frank Crawley. Nicht vergessen werden darf zudem Robert Meyer, der die Rolle des Bösewichts perfekt mit Leben ausfüllt und seine Chance hervorragend nutzt, Rebeccas unsympathischen Cousin und Liebhaber als schmierigen Fiesling darzustellen.

Den besten Kontrast zu der insgesamt sehr düsteren Handlung stellt Anne Welte als exzentrische Mrs. van Hopper dar. Sie bewies einmal mehr, dass ihr das komödiantische Fach liegt und liefert eine hörens- und sehenswerte  Interpretation von „I’m an American Woman“, für die sie völlig verdient mit Szenenapplaus bedacht wurde.

Obwohl nicht schlecht und solide, verliert das Ensemble der Nebenrollen, trotz der hochklassige Namen, den Vergleich mit der Klasse in der ersten Reihe teilweise deutlich, auch gesanglich.

Das Orchester

Doch für die wirkliche Begeisterung hat nicht nur die Inszenierung und die Darsteller gesorgt, sondern in besonderem Maße auch das fabelhafte 28-köpfige Orchester unter der versierten Leitung von Tjaard Kirsch.

Seine langjährige Erfahrung, gepaart mit einer hoher Akribie, kommen Kirsch dabei zugute, wenn er seine Musiker perfekt durch die recht komplexe Partitur von Sylvester Levay leitet. Die Musik von Levay, so schlagerhaft sie vereinzelt sein mag, fügt sich perfekt wie ein roter Faden in den Handlungsablauf ein und treibt die Story stringent voran.

Als Leitmotiv zieht der Titelsong sich dabei durch den Abend und hat wie so viele andere Nummern die Qualität für einen Ohrwurm. Selten konnte diese groß orchestrierte Musik von solch einem großen, perfekt spielenden Orchester gehört werden. Es ist ein Novum hierzulande mit solch einem großen Orchester solche Stücke hören zu dürfen, denn  selbst in Stuttgart saßen weitaus weniger Musiker im Orchestergraben.

Herrliche Vorstellung

Den Freilichtspielen Tecklenburg war mit der Neuinszenierung von „Rebecca“ wieder einmal ein Glanzstück gelungen, dessen Erfolg ganz klar in den Händen von Andreas Gergen lag. Diesen Bühnenthriller von Michael Kunze und Sylvester Levay sollte man unbedingt gesehen haben! Ich persönlich war begeistert, selten erlebt man solch eine grandiose Vorstellung, mit einer begeisternder Inszenierung und einer hochklassigen Besetzung. Danke an alle, die einem so einen phantastischen Abend gesorgt haben. Nur eine Empfehlung für euren ersten Besuch in Tecklenburg: Gute Schuhe und eine warme große Decke!

Bilder von der Aufführung gibt auf den Seiten der Freilichtspielen Tecklenburg.

Weitere Rezensionen:

Terror im Stadttheater Bremerhaven

Das flammende Phantom

Liebe stirbt nie in Hamburg

Dracula im Stadttheater Bremerhaven

 

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Rebecca_(Roman) []
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Daphne_du_Maurier []

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