DRACULA am Stadttheater Bremerhaven – eine Kritik

Stadttheater Bremerhaven - Terror

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DRACULA am Stadttheater Bremerhaven – eine Kritik
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Leidenschaft, viel Blut und „Sex“ auf der Bühne. So kurz könnte man die Inszenierung von Dracula am Stadttheater Bremerhaven zusammenfassen. Könnte man. Eine gute Kritik sollte aber mehr liefern als Schlagworte.

Das Musical Dracula vom Komponisten Frank Wildhorn,  nach dem Buch und den Songtexten von Don Black und Christopher Hampton in der Deutschen Übersetzung von Roman Hinze, läuft aktuell am Stadttheater Bremerhaven in der Inszenierung von Philipp Kochheim.

Die Story

Graf Dracula, der berühmteste Untote, ist zurück und das Stadttheater Bremerhaven erzählt seine Geschichte. Das blutsaugende Wesen der Nacht hat sich in Mina, die Verlobte seines jungen englischen Anwalts Jonathan Harker, verliebt. Dracula verlässt sein altes Schloss und seine alte Heimat Transsylvanien. Er bricht nach London auf, um bei Mina zu sein. Der geheimnisvolle, einsame Mann übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die jungen Damen der Londoner Gesellschaft aus. Minas Freundin Lucy verfällt dem charismatischem Blutsauger als Erste, aber auch Mina kann ihm nicht lange widerstehen. Die Liebe Draculas für Mina ist so groß, dass er bereit ist, auf seine Unsterblichkeit zu verzichten.

Die Inszenierung

Für die Inszenierung zeigt sich am Stadttheater Bremerhaven Philipp Kochheim verantwortlich. Die Besucher erwartet ein modernes Bühnenbild fernab der pompösen und historischen Vorlage wie man sie in St. Gallen oder Graz hätte beschauen können. Dies tut der Story wider Erwarten keinen Abbruch.

Der Geschichte wird innerhalb dreier Räume (Bar, Lucys Schlafzimmer und dem Wohnzimmer der WG von Mina und Lucy) ausreichend Platz zur Entfaltung gegeben. Um der Dynamik der Melodien von Frank Wildhorn Ausdruck im Bühnenbild zu verleihen, werden die Räume immer wieder in Rotation gebracht.

Einzigste Manko für mich persönlich und auch der anwesenden Besucher, mit denen ich gesprochen habe, war die überdeutliche Demonstration der Leidenschaften der Protagonisten durch mehr als deutliche „Sexszenen“. Diese wären für den Handlungsstrang nicht notwendigerweise in so präsenter Art darzustellen gewesen.

Ebenfalls als störend habe ich empfunden, dass einige Handlungsstränge angefangen aber nicht beendet wurden. So gab es bereits in der ersten Szene homoerotische Anwandlungen zwischen dem Grafen und Jonathan Harker, die weder aufgegriffen noch anderweitig aufgeklärt wurden.

Es wurde auf die Einheitsübersetzung von Roman Hinze zurückgegriffen, die bekanntere Übersetzung ist aber sicherlich die der Grazer Aufführung. Die Übersetzung der Grazer Inszenierung ist für mich persönlich auch stimmiger und gibt den Melodien mehr Ausdruck.

Trotz einiger Weglassungen an durchaus guten und beliebten Songs des Stückes und dafür umso mehr (Kunst-) Blut war die Inszenierung gelungen und in seiner modernen Art passend und stimmig.

Die Besetzung

Graf Dracula: Christian Alexander Müller

Mina Murray: Anna Preckeler
Jonathan Harker: Maximilian Mann
Lucy Westenra: Carolin Löffler
Renfield: Thomas Burger
Professor van Helsing: Tobias Haaks
Dr. Jack „Vic“: Vikrant Subramanian
Arthur Holmwood: Fin Holzwart
Quincey Morris: Róbert Tóth

Bei der Besetzung des Musicals ist dem Stadttheater wieder ein gelungener Mix aus bekannten und talentierten Künstlern der Branche gelungen. Einzeln konnte sie meist überzeugen. Im Duett oder in Ensemble Arrangements gab es doch die eine oder andere Unstimmigkeit, an der während der Spielzeit sicherlich noch gearbeitet werden kann.

Christian Alexander Müller als Graf Dracula konnte mich schauspielerisch und gesanglich überzeugen, auch wenn sicherlich noch Luft nach oben ist. Enttäuscht war ich jedoch von der Besetzung der Lucy mit Carolin Löffler. Zwischen Sprach- und Gesangseinlagen war oft eine Überraschung für den Zuhörer dabei. Die durchaus merklichen Dialekte im Gesang waren irritierend und ungewohnt, vor allem da sie untypischer Weise im Sprachbereich nicht auftraten.

Mein Highlight und die Überraschung des Abends war Tobias Haaks Interpretation des van Helsing.  Ich habe selten eine überzeugendere Darstellung der Zerrissenheit des Professors hören dürfen. Still, leise, aber genauso laut und souverän waren die Einlagen von Haak. Wäre der Kampf zwischen van Helsing und Dracular musikalisch entschieden worden, so hätte wohl van Helsing den Sieg davon getragen.

Leider wurden dem Stück viele Ensemble Szenen entrissen, obwohl der Chor des Stadttheaters Bremerhaven diese sicherlich mit Bravour hätte meistern können.

Die Harmonie fehlte

Das Orchester war, wie nicht anders zu erwarten war, in sehr guter Form und ist den zum Teil durchaus anspruchsvollen Passagen mehr als gerecht geworden. Manchmal war das Orchester zu gut und spielte die Darsteller wortwörtlich an die Wand. Bei einigen Abschnitten der anspruchsvolleren Textpassagen konnten die Hauptdarsteller nicht mehr verstanden werden, da das Orchester mehr als deutlich zu laut war.

Keine Katastrophe aber auch wenige wirkliche Highlights

Ich bin ehrlich: Ich hatte mehr erwartet, nicht weil ich ein Fan von Stage Produktionen bin, noch weil ich vielleicht mit dem Niveau eines Stadttheaters zu kritisch bin. Nein vielmehr war ich mehrere Spielzeiten nicht mehr in einer Musicalproduktion des Stadttheaters Bremerhaven dabei, weil die Auswahl der Stücke nicht mein Interesse weckte. Daher war mir aber ein direkter Vergleich mit früheren Produktionen unausweichlich.

Im Vergleich mit „Jekyll&Hyde“ (ebenfalls Frank Wildhorn) oder The Scarlett Pimpernell, die schon in Bremerhaven gegeben wurden, war die Aufführung blass, farblos und wenig inspirierend. Es fehlte ein harmonischer Schliff und ein qualitativer Anspruch jenseits der einzelnen Gewerke. Daher konnte ich ein für ein „Stadttheater“ angemessenes Werk sehen, dass aber an frühere Produktionen m.M.n. leider nicht heranreicht.

Kurz und knapp eine gut gemeinte 2- für die Aufführung am gestrigen Abend.

Um so mehr freue ich mich aber, dass die Auswahl auch überregionale Besucher anlockt, was sicherlich auch mit dem Hauptdarsteller Christian Alexander Müller zusammenhängt. Ich verbleibe in der Hoffnung wieder mehr Stücke von Wildhorn, Webber und co. im Stadttheater Bremerhaven schauen zu können. Die positive Resonanz lässt mich positiv in die Musical Zukunft an unserem heimischen Theater schauen.

Bilder zum Stück gibt es auf den Seiten des Stadttheaters.

 

Über den Autor

Timo Hörske
Jahrgang 1985, als "Ossi" geboren, im beschaulichen Premnitz an der Havel aufgewachsen. Natur- und Kunstliebhaber. Seit über 10 Jahren Wahlbremerhavener, Küsten- und Windfan. So ziemlich an Allem interessiert. Schwerpunkte sind aber eindeutig Politik, Gesellschaft, Rechtswesen, Natur und Technik. Rotes Parteibuch, Mitglied des Jugendhilfeausschusses der Stadt Bremerhaven, Vorstandsmitglied der SPD Ortsvereins Bremerhaven Mitte. Freizeitblogger, Techniknerd.

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