Locher

131 Jahre Locher für Papier

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Heute vor 131 Jahren erfand der Sauerländer Friedrich Soennecken in Bonn die Urform des heute bekannten Lochers. Bei dem am 14. November 1886 beim Kaiserlichen Patenamt eingereichten Patent unter der Nummer DRP 40065 handelte es sich um einen Papierlocher für Sammelmappen, Briefordner u. dergleichen.

Der erste separate Handlocher – Modell „Phoenix“ – wurde hingegen erst 1901 von der Stuttgarter Firma Leitz zum Verkauf angeboten. Das ist die Firma, die wir heute hauptsächlich von nach ihr benannten Leitz-Ordner kennen. Die Urform dieses Lochers allerdings stammt auch aus dem Hause Soennecken.

Ab 1904 verkaufte Leitz den Locher für Behörden und erst 1925 wurde das Produkt um die äußerst praktische Mittelmarkierung erweitert.

Sehr passend zum Thema ist meine Kurzgeschichte „Der alte Locher und die Gallerten“ aus dem letzten Jahr.

Der alte Locher und die Gallerten

Der alte Locher, noch wie früher aus Gusseisen gemacht, landete mit einem schweren und dumpfen Schlag in der anderen Welt.

Diese war so absonderlich und auffallend eigen. Statt Erde und Gras gab es ein tiefes Nichts nur durchbrochen von langen Linien, die aus Stoff- und Gewebebahnen zu sein schienen. Die Bewohner dieses Kosmos waren nicht weniger sonderbar als die Umgebung, in der sie lebten. Aus einer gallertartigen Masse bestehend, ohne stützende Knochen oder Panzer, krochen die Einwohner tagein, tagaus über die riesigen Lagen aus Stoff, immer auf der Suche nach den in ihrer Welt so seltenen Geräuschen und Tönen, von denen sie sich ausschließlich ernährten. Es gab wohlschmeckende Töne und geradezu bestialisch abschreckende und fast nicht essbare Geräusche. Tiefe Brummtöne machten am sattesten, höhe und kreischende Geräusche waren eher was für den leichten Hunger zwischendurch.

Der Jüngste unter den Gallerten, wie die Bewohner der anderen Welt genannt wurden, war wieder am Rande einer selten benutzten Bahn unterwegs und dachte darüber nach, einfach über den Rand hinaus zu kriechen, um ins ewige Nichts zu fallen. Von seiner Familie und Freunden verstoßen war sein Leben in jüngster Zeit traurig und einsam geworden. Tief in diesen deprimierenden Gedanken gefangen, bemerkte er das neben ihm erschiene Dimensionsloch nicht und horchte – oder besser schmeckte – erst auf, als der alte Locher wenige Meter vor ihm, kurz vor dem Rand der Bahn, auf der er in diesem Moment kroch, knallte.

Überwältigt von einem unbeschreiblichen Sättigungsgefühl, dass er lange nicht verspürt hatte, kroch er auf den für ihn seltsamen Gegenstand zu. Das Material kannte er nicht, die Form war ungewöhnlich für seinen geistigen Horizont, doch jeder fremde Beobachter hätte die Fragen in seinem Kopf, nach dem, was dies sein konnte und was machte es hier machte, an seinem an Wackelpudding erinnernden Gesicht schon irgendwie ablesen können.
Als er von Neugier getrieben über den alten Locher kroch, ertönte ein klackendes und wie von einem alten Gallerten stammenden Ächzen. So schnell das Geräusch kam, war es auch schon wieder verschwunden. Der junge Gallert schmeckte seine Umgebung ab und war überrascht. Dieses Geräusch war nicht nur sättigend, es schmeckte sogar außerordentlich gut.

In der Ernährung seiner Familie kamen niemals Geräusche vor, nur gute und feinste tiefe Brummlaute waren ihr genehm. Für Geräusche hatte seine Mutter nie etwas übrig gehabt. Er selbst hingegen war vernarrt in die hässlichsten und gruseligsten Geräusche, was ihn in seiner Familie zu einem Außenseiter machte. Dies war auch der Grund gewesen, warum seine ganze Verwandtschaft Abstand von ihm genommen hatte.

Jeder Gallert wusste, dass Geräusche ungesund und wenig nahrhaft waren, trotzdem zogen sie den jungen Gallert magisch an. Dieses Ding hier aber machte Geräusche, die so ganz anders waren. Nahrhaft, sättigend und sehr köstlich war es, was dieser alte Locher abgeben konnte! Noch einmal kroch unser Jüngling über den alten, rostigen Locher, der erneut, ganz wie es seine Natur entsprach, ein ächzendes und knarziges Klacken von sich gab. So über die Maßen satt, schlief der Gallert ein und träumte einen der schönsten und zufriedensten Träume seines jungen Lebens.

Unter dessen war seine gesamte Familie am weit entfernten anderen Ende seiner Bahn auf der Suche nach neuen feinen, reinen und gesunden Brummtönen. Schon seit einer ganzen Weile hatten sie keine mehr auftreiben oder gar schmecken können. Die Brüder vor Hunger schon mies gelaunt und kurz davor miteinander zu raufen, fragte sich die Mutter einmal mehr, wie es ihrem Jüngsten wohl gehen mochte und versuchte die Sorgen um die nächste Ration Töne zu vergessen und sich stattdessen auf die weitere Suche zu konzentrieren.

Als der jüngste der Gallerten wieder erwachte, hatte sich aus seinem Traum ein Plan entwickelt, wie er den Hunger seiner Familie stillen könnte und gleichzeitig seine Vorliebe für die Geräusche um ihn herum verständlich machen könnte. Er musste den Locher zu seiner Familie bringen!

Schwer schob er mit seinem wabbeligen Körper den Locher voran. Immer wieder blieb der alte Locher an einer Franse der Stoffbahnen hängen. Die Anschlagsleiste steckte immer wieder in Ösen fest. Der Gallert nahm den Locher jedoch stets an der langen Leiste fest in seiner Substanz auf und zog ihn eisern hinter sich her.

Nach Stunden, wie es ihm vorkam, war er völlig erschöpft, aber auch glücklicher als er es die letzte Zeit seines Lebens gewesen war. Am Ende seines Sichtfeldes sah er sie. Seine Familie war an ihrem liebsten Platz und suchte den beliebten, nicht zu tiefen, aber auch nicht zu hohen Brummton, den alle außer ihm selber am liebsten mochten.

Endlich angekommen, ließ er die Leiste los und bevor die Anderen aus ihrer Starre des Erkennens erwachten und etwas sagen konnten, bewegte er sich schwerfällig über den alten Locher. Als das Geräusch erklang, wollte seine Mutter ihn bereits ausschimpfen, hielt aber inne und schmeckte in die Luft. Ihre gallertartige Substanz schien sich im ersten Augenblick zu verfestigen und unser junger Gallert hatte Angst, seine Mutter vergiftet zu haben. Aber schon im nächsten Moment kam sie auf ihn zu gekrochen und umwallte den verloren gegangenen Sohn fest, wie nur eine Mutter es konnte.

Er musste noch mehrmals über den alten Locher kriechen, aber anschließend waren alle seine Familienangehörigen satt und glücklich. Glücklich darüber, seit langem wieder so etwas Gutes geschmeckt zu haben, froh sich ihre Geräusche nicht mehr suchen zu müssen und heiter darüber, ihren jungen Gallerten wieder bei sich zu haben.

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